Zwischen Hörenden und Gehörlosen

Sie übersetzen im Fernsehen, an Pressekonferenzen oder in Sendungen, begleiten Elterngespräche, Feiern oder Arztbesuche. Gebärdensprachdolmetscher*innen helfen gehörlosen Menschen oft, ihren Alltag zu bestreiten. Eine davon ist Gabriela Hauswirth. Ein Interview über einen Beruf, der in Zeiten der Corona-Pandemie auch bei den Hörenden mehr Aufmerksamkeit erhalten hat.

Gabriela Hauswirth übersetzt die Tagesschau Live vor der Kamera im Studio von SRF.
Auch das Übersetzen von Fernsehbeiträgen gehört zu den Aufgaben einer Gebärdensprachdolmetscherin. (Bild: SRF/Oscar Alessio)

Bereits seit 20 Jahren arbeitet Gabriela Hauswirth als Gebärdensprachdolmetscherin. Seit 18 Jahren arbeitet sie bei der «Procom», einer Stiftung für Kommunikationshilfen der Hörgeschädigten. Im Gespräch erzählt sie, was genau hinter dem Beruf einer Gebärdensprachdolmetscherin steckt.

Frau Hauswirth, wie kamen Sie das erste Mal in Kontakt mit der Gebärdensprache?

Das war schon als Kind. Ich habe Tennis gespielt und in meiner Interclub-Mannschaft hatten wir ein gehörloses Mädchen. Wir haben zwar eine gemeinsame Sprache gefunden, trotzdem habe ich bemerkt, dass die Sprache zu ihr sehr limitiert war. Mit andern konnte ich so gut sprechen und mit ihr immer nur sehr oberflächlich. Aus dieser Not und dem Bedürfnis mit ihr zu kommunizieren, habe ich mich beim Schweizerischen Gehörlosenbund für Kurse angemeldet und so bereits als Kind die Gebärdensprache gelernt. Durch das Mädchen in meinem Tennisteam hatte ich bereits Anschluss an die Gehörlosen-Gemeinschaft. Diese Sprache kann man nämlich nicht in einem Land lernen. Das Land ist dort, wo sich die Gehörlosen treffen. Man trifft sich an Veranstaltungen oder oft auch über den Sport.

Wie kam die Entscheidung, das zu Ihrem Beruf zu machen?

Auch über Beobachtungen. Ich konnte mich relativ schnell schon mit Gehörlosen verständigen. Ich wurde sehr warmherzig aufgenommen, da die Gehörlosen immer Freude daran hatten, wenn Hörende versuchten, auf sie zuzugehen. Ich merkte schon früh, dass ich keine Kommunikationsbarriere zu den Gehörlosen habe. Jedoch war es immer mühsam zu sehen, wie schwierig es wird, wenn andere Hörende in dieses Setting kommen. Darum war mir die Sinnhaftigkeit dieses Berufs schon früh klar. Ich habe gemerkt, dass das auch für mein Leben Sinn macht und ich das machen will. So habe ich mich für die Dolmetscher-Ausbildung entschieden.

Wie sieht diese Ausbildung überhaupt aus?

Das ist ein Bachelor-Abschluss an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Ein dreijähriges Vollzeitstudium oder vier Jahre Teilzeit. Das ist der einzige Ort, an dem man das in der Deutschschweiz lernen kann. Momentan sogar der einzige Ort in der ganzen Schweiz. In Genf ist man schon lang bestrebt, wieder einen solchen Studiengang zu initiieren. Das sollte im nächsten Jahr nach ungefähr 20 Jahren wieder der Fall sein. Im Tessin gibt es momentan auch keine Ausbildung. Da kommen neue Dolmetscher*innen meistens aus Italien.

Durch Ihre Kindheitserfahrungen beherrschten Sie anfangs Studium die Gebärdensprache bereits teilweise. Was gehört da sonst noch zum Studium?

Ein wesentlicher Teil ist sicher die Gebärdensprache zu vertiefen und verschiedene Fachgebiete zu erschliessen. Also möglichst breit zu kommunizieren und zu verstehen. Dann natürlich die ganze Ethik. In diesem Beruf ist man sehr nahe am Menschen. Also lernt man, wie man mit Nähe und Distanz oder Konflikten und Herausforderungen umgeht. Dazu kommen noch die ganze Geschichte und die landesspezifischen Unterschiede. Wie auch Linguistik, Forschung, Soziologie und Interkulturalität.

Wie lernt man im Studium die praktische Anwendung?

Am Anfang lernt man das Dolmetschen von einzelnen Sätzen und Sequenzen, danach das simultane Übersetzen. Also das gleichzeitige Wahrnehmen und Wiedergeben. Kulturpraktikas gehören auch dazu. Man muss in dieser Kulturgemeinschaft Erfahrungen sammeln. Da gab es verschiedene Auflagen, die sich immer wieder ändern. Einmal mussten die Studierenden zum Beispiel bei einer gehörlosen Familie wohnen, um deren Alltag mitzuerleben. Man muss auch verschiedene Veranstaltungen besuchen und überlegen, wo die Dolmetscher*innen und die Gehörlosen gut platziert wären. Zu einem späteren Zeitpunkt begleitet man Dolmetscher*innen und beobachtet diese oder beginnt selbst einen Teil zu übersetzen, bis die Studierenden am Schluss die Settings selbst bewältigen können.

Sie haben die Ausbildung schon lange abgeschlossen und arbeiten nun als Dolmetscherin. Wie kann man sich einen typischen Alltag in diesem Beruf vorstellen?

Das Typische ist, dass es gar nichts Typisches gibt. Keine Routine. Es muss einem liegen. Man ist sehr oft alleine und hat keine Struktur. Das heisst, man geht immer an die Settings, an denen die Kommunikation übersetzt sein sollte. Das sind oft der Arbeitsplatz einer gehörlosen Person, Schulen, Behörden, Gerichte, Veranstaltungen und so weiter. Die ganze Planung liegt in der Eigenverantwortung. Man muss schauen, dass man sich nicht übernimmt. Wir haben pro Tag maximal drei Einsätze. Zum Beispiel morgens eine Teambesprechung mit einer gehörlosen Person auf der Arbeit, am Nachmittag eine Video-Übersetzung im Bundeshaus und Abends ein Kindertheater.

Ein Kindertheater? Wie kann man sich das Vorstellen? Werden da alle Dialoge übersetzt?

Ja. Alle Dialoge, Lieder und vorgetragenen Verse.

Für wen arbeiten Sie hauptsächlich? Sind das vor allem Firmen oder private Aufträge?

Wir sind im Auftrag von Procom unterwegs. In welchen Themengebieten das ist, kommt ganz auf den Dolmetscher oder die Dolmetscherin darauf an. Einige arbeiten vor allem für das Fernsehen oder an Veranstaltungen. Andere hingegen begleiten häufiger Einzelpersonen oder machen beides. Auch für die Videotelefon-Vermittlung arbeiten verschiedene Dolmetscher*innen.

Was kann man unter Videotelefon-Vermittlung verstehen?

Videotelefonie ist ein Angebot vom Bund. Die Swisscom ist da Konzessionärin und hat den Auftrag, den Zugang für gehörlose via Telefon zu gewährleisten. Die Procom führt den Dienst gemeinsam mit der Swisscom durch. In allen drei Sprachregionen haben wir Dolmetscher*innen, die über Videocall mit gehörlosen telefonieren und gleichzeitig die Anrufe live für den anderen Gesprächspartner oder die andere Gesprächspartnerin übersetzen. Somit ist ein direktes Telefongespräch zwischen gehörlosen und hörenden Personen möglich. Das ist gerade in Zeiten von Corona sehr wichtig. Auch Gehörlose, die arbeiten, nutzen das Angebot oft. Früher ist häufig das Argument gefallen, dass Gehörlose nicht eingestellt werden können, weil sie nicht telefonieren können. Mit dieser Videovermittlung ermöglichen wir die Telefonie mit der Gebärdensprache.

Das ist ja ein sehr vielfältiges Angebot. Wie viele Dolmetscher*innen arbeiten in der Deutschschweiz?

Wir haben rund 70 Dolmetscherinnen und Dolmetscher unter Vertrag.

Als Dolmetscher*in begleitet man sehr private Momente. Hierfür gibt es eine strikte Schweigepflicht und alles ist sehr diskret. Wie haben Sie solche Momente erlebt? War man eher dankbar für die Unterstützung oder war es den Gehörlosen unangenehm, weil eine Drittperson anwesend war?

Bei einem grossen Teil ist sicher viel Dankbarkeit und Wertschätzung dieser Dienstleistung dabei, da man ohne diese Hilfe nicht so gut kommunizieren kann. Das sind sich die Leute auf beiden Seiten sehr bewusst. Es kommt aber darauf an, wen man begleitet. Gehörlose in einer Führungsposition haben täglich mindestens ein Setting mit einer Dolmetscherin oder einem Dolmetscher. Das ist ihr Alltag. Das muss einfach laufen, damit sie arbeiten können. Es gibt auch viele technische Settings. Beim SRF zum Beispiel hat man einfach eine Kamera und geht wieder, wenn der Job gemacht ist. Dann gibt es noch soziale Settings, bei denen man die Leute besser kennt. Da kommt es natürlich darauf an, was man über die Jahre für Beziehungen zu den Leuten entwickelt. Das sich jemand an meiner Anwesenheit stört, nachdem ich erklärt habe, was meine Aufgabe ist, gab es bisher nicht. 

Durch Corona und die vielen Pressekonferenzen wurde der Gebärdensprache etwas mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Was hatte Corona für einen Einfluss auf die Gebärdensprache?

Ein riesiger Schritt für die Gehörlosen war, dass die Pressekonferenzen live auf dem Kanal 1 übersetzt wurden. Bisher geschah das immer auf dem Info-Kanal. Dadurch, dass nun aber auf Kanal 1 gesendet wurde, konnten die Hörenden und die Gehörlosen gemeinsam auf dem Sofa sitzen und den Hauptkanal schauen. Das ist der direkte Zugang und eine Wertschätzung für die Sprachgemeinschaft. Sie werden nicht mehr an den Rand gesetzt. Eine wertvolle Verbesserung. Auch die Videotelefonie hat zugenommen. Da befinden wir uns noch immer in den Kinderschuhen was Gruppensettings oder Online-Meetings betrifft, da das mit der Technik schwierig ist. Vor allem ist es eine Herausforderung, dass die Dolmetscher*innen immer zu sehen sind und alle die Sprecherwechsel mitbekommen. Das zeigt aber: Vieles ist möglich, wir sind allerdings in einigen Bereichen noch am Anfang. 

Als Dolmetscherin kennen Sie beide Seiten sehr gut. Was wollen Sie zum Abschluss den Hörenden im Umgang mit Gehörlosen ans Herz legen?

Da zitiere ich gerne eine Kollegin, Ariane Gerber. Eine sehr wiffe, gehörlose Person, die auf der ganzen Welt unterwegs ist. Sie sagt, das liebste sei, wenn die Leute wirklich Interesse an ihr als Person haben. Die Sprache soll nicht als Hindernis dienen, um dem Kontakt aus dem Weg zu gehen. Das Gespräch sollte auch nicht bei der Sprache und der Faszination rund um die Gebärdensprache bleiben. Die Leute sollen sie als Mensch wahrnehmen und an ihrer Person interessiert sein. Das ist ein Plädoyer, das auch ich habe. Die Sprache ist ein Mittel dafür, dass man sich versteht. Man soll keine Angst davor haben, wenn man zum Beispiel seinen Mund ein bisschen mehr bewegen soll oder nicht genau weiss, wie man sich ausdrückt. Man sollte es einfach versuchen und Interesse am Mensch hinter dieser Sprache zeigen.

AUTOR

Till Minder