Studium mit Hürden

Obligatorische Schulzeit überstehen, in die Berufsschule oder ans Gymnasium und dann an eine Hochschule oder Universität. In der heutigen Zeit ist dies für viele Menschen in der Schweiz ein gängiger Bildungsweg. Nicht aber für Gehörlose. Ein höherer Abschluss gestaltet sich für Betroffene als fast unmöglich.

Absolventen einer Hochschule bei der Diplomfeier.
Gehörlose haben auf ihrem Bildungsweg mit einigen Hürden zu kämpfen. (Bild: Unsplash)

Gemäss dem Schweizerischen Gehörlosenbund sind rund eine Million Menschen in der Schweiz zu einem gewissen Grad schwerhörig. Etwa 10’000 davon sind komplett gehörlos, das heisst, sie haben einen Gehörverlust von mehr als 120 dB (Lautstärke einer Kettensäge). Statistische Auswertungen dazu gibt es jedoch nicht und die Gründe dafür sind divers. Genetische Veranlagung, Infektionskrankheiten, Komplikationen bei der Geburt, chronische Ohrenentzündungen, extremer Lärm oder Alter können alles Auslöser für eine Schwerhörigkeit sein. Doch eines haben sie gemeinsam: Die auditive Kommunikation ist erschwert oder nicht möglich. Und das generiert Barrieren.

Gehörlose Menschen sind auf barrierefreie Lösungen im Alltag angewiesen. In vielen Bereichen gibt es diese, zum Beispiel in der Kultur. So fand 2018 im Gehörlosendorf Turbenthal das erste barrierefreie Open Air statt und Greta & Starks entwickelte eine App, die seh- und hörbehinderten Menschen Zugang zum öffentlichen Kinoerlebnis ermöglicht. Bei der Bildung in der Schweiz sieht das anders aus. Trotz gesetzlichem Auftrag ist es für gehörlose Menschen weiterhin schwierig, eine höhere Ausbildung zu absolvieren. Das Studieren ist zwar in dem Sinne möglich, dass sich beeinträchtigte Personen jeglicher Art normal einschreiben oder anmelden können, viele Universitäten und Hochschulen können jedoch die Gleichstellung während dem Studium nicht gewährleisten. Denn auch wenn visuelle Mittel als Unterstützung gegeben sind, braucht zum Beispiel das Lippenlesen, nebst höchster Konzentration und Kraft, auch sehr viel Zeit. So brauchen gehörlose Menschen für die Aufnahme von Kommunikationsinhalten meist länger als gut hörende Menschen.

Die Tendenz steigt

Auch Hannes Egli, Geschäftsführer des Schweizerischen Hörbehindertenverband «sonos», sieht die vielen Schwierigkeiten und Hürden auf dem Weg zum Studium. Die Tendenz, dass immer mehr Hörbehinderte einen höheren Abschluss versuchen, sei zwar steigend, trotzdem ist der schulische Alltag anstrengend. «Vier Stunden in einem Vorlesungssaal ist wie Leistungssport», meint er. Viele junge Gehörlose verfügen über ein Cochlea-Implantat, eine Hörprothese, die dank neuer Technik den Hörnerv stimuliert. Dies erleichtert die gesprochene Kommunikation natürlich, ersetzt sie aber keineswegs. Gerade bei mehreren auditiven Einflüssen, wie in einer Diskussion oder einem belebten Raum, kommt die Technik an ihre Grenzen und kann die verschiedenen Frequenzen nicht aufnehmen oder nur schlecht zuordnen.

Gemäss Egli gibt es auch weitere Hilfsmittel. Oft helfen im schulischen und studentischen Alltag auch Dolmetscher: vor Ort oder online zugeschaltet. Doch das ist teuer und wird von der Invalidenversicherung (IV) nicht immer unterstützt. Bei fünfstelligen Beträgen ist die Eigenfinanzierung häufig auch keine Option. Das nagt an der Motivation. Viele Gehörlose scheitern an den Barrieren, bevor sie es überhaupt versucht haben. Denn wo keine Unterstützung ist, ist auch kein Wille. Egli betont, wie wichtig diese Unterstützung von aussen ist und weiss auch, dass die Gesellschaft da Fortschritte macht. Beistand gibt es in der heutigen Zeit nicht nur von der Familie, sondern auch vom Bund und von jeglichen Institutionen. Das hilft. Gegenseitiger Respekt ist der Schlüssel zur Besserung. Auch der medizinische und technische Fortschritt schafft viele neue Möglichkeiten für Hörbehinderte. Die Digitalisierung bietet den Hörbehinderten bereits im frühen Alter visualisierte Übersetzungen und Hilfsmittel. Das gab es früher nicht.

Der Weg ist lang

Die «SEK3 – Oberstufe für Gehörlose und Schwerhörige» in Zürich setzt bereits früher an. Mit teilintegrativen Angeboten werden hörbehinderte Menschen in den hörenden Schulalltag miteinbezogen. In Begleitung einer audiopädagogischen Fachperson besuchen Gehörlose und Schwerhörige gruppenweise den Regelunterricht. Ergänzende Fächer und gezielte Einzelförderung runden das Angebot der SEK3 ab. Das hilft natürlich nicht nur den direkt Betroffenen, sondern auch den Hörenden, welche die Schule besuchen. Denn der korrekte Umgang ist ein wichtiger Teil auf dem Weg zur Entstigmatisierung.

Der Weg zur wirklichen Chancengleichheit ist noch lange. Höhere Ausbildungen sind weiterhin schwierig für direkt Betroffene. Trotzdem hat die Gesellschaft einen richtigen Weg eingeschlagen. Dank medizinischem und technischem Fortschritt, dem Einsatz von verschiedenen Institutionen und der allgemein erhöhten Integration, ist der gängige Bildungsweg wohl bald auch für Gehörlose und Schwerhörige Normalität.

AUTOR

Oliver Julier