Gebärdensprache im digitalen Wandel

Die Digitalisierung macht auch vor der Gebärdensprache keinen Halt. Mithilfe künstlicher Intelligenz werden Programme entwickelt, die das maschinelle Übersetzen von Gebärdensprache ermöglichen sollen. Doch wie weit sind wir davon entfernt, mit einem Gehörlosen eine Konversation führen zu können, ohne der Gebärdensprache mächtig zu sein?

Die App Hand Talk auf dem IPhone.
Die App «Hand Talk» kann geschriebenen Text in Gebärdensprache übersetzen. (Bild: Lukas Spichtig)

Seit Jahren gibt es Tools, die verschiedene Sprachen übersetzen können. Es ist mittlerweile eine Leichtigkeit, einzelne Wörter oder Sätze in eine andere Sprache zu übersetzen. Auch die Spracherkennung funktioniert so gut, dass man der Übersetzungssoftware eigentlich nur vorlesen muss, was man übersetzen will und man erhält prompt eine Antwort in der gewünschten Sprache. Bei der Gebärdensprache funktioniert das nicht ganz so einfach. Sie bedient sich nämlich nicht auditiven, sondern gestischen Mitteln. So müsste man für einen Satz, den man übersetzen möchte, verschiedene Handgesten sehen. Zudem spielt auch die Mimik eine sehr zentrale Rolle, da viele Gehörlose Menschen zusätzlich Lippenlesen. Wie also lässt sich so eine Übersetzung umsetzen?

Virtuelle Dolmetscher

Das brasilianische Start-up «Hand Talk» hat eine Anwendung entwickelt, die genau das macht. Sie beinhaltet einen virtuellen Character, der geschriebenen Text in Gebärdensprache übersetzt. Der Kunde kann also einen Text eingeben und das Programm wandelt ihn in eine 3D-Animation eines Characters um, der den Text in Gebärdensprache vorträgt. Die Anwendung ist schon auf vielen Webseiten aktiv und wird kontinuierlich verbessert. Im Verlaufe der letzten Jahre hat sich die Plattform auch eine Community von Gehörlosen aufgebaut, die helfen, die Anwendung weiter voranzutreiben. So ist es möglich eine enorme Menge an Daten zu generieren und auch die verschiedenen Gebärdensprachen zu berücksichtigen. Erst kürzlich hat das Unternehmen auch eine App vorgestellt. Diese ist gratis im App Store verfügbar und lässt somit jeden Text in Gebärdensprache übersetzen und auch die Gebärdensprache lernen. Die Anwendung ist bisher ausschliesslich in Englisch und Portugiesisch verfügbar und kann somit auch nur die brasilianische Gebärdensprache LIBRAS und die amerikanische ASL übersetzen. 

Aber auch im deutschsprachigen Raum passiert etwas. Das österreichische Unternehmen «SignTime GmbH» hat einen 3D-Avatar namens SiMax entwickelt. Dieser soll geschriebene Texte in Gebärdensprache übersetzen, ähnlich zu «Hand Talk». Die Software hat eine Datenbank der Gebärdensprache hinterlegt. Jede Übersetzung wird aber von einer gehörlosen Person überprüft und allenfalls korrigiert. So lernt die künstliche Intelligenz stetig dazu und passt die Datenbank an. Es ist also sehr gut möglich, dass die menschliche Überprüfung in wenigen Jahren überflüssig wird. Das System ist für Websites, Filme oder Events gedacht und ist eine kostengünstige und effiziente Alternative zu menschlichen Dolmetschern.

Gebärdensprache erkennen und übersetzen

Bisher haben wir nur über die Übersetzung von geschriebenem Text in Gebärdensprache gesprochen. Was aber, wenn man verstehen will, was eine gehörlose Person in Gebärdensprache gesagt hat? Auch hier gibt es bereits verschiedene Technologien, die das ermöglichen. Die Universität Kalifornien entwickelte 2017 einen Handschuh, der mittels Motion Tracking in Echtzeit Gebärdensprache in Text übersetzen kann. Ein solches System ist allerdings nicht sehr alltagstauglich. Aus diesem Grund arbeiten verschiedene Unternehmen an einer Anwendung, welche ohne grosse zusätzliche Hardware funktionieren soll. So soll mittels einfachem Videomaterial die Gebärdensprache erkannt und übersetzt werden. Das amerikanische Unternehmen «SignAll» hat eine künstliche Intelligenz entwickelt, die mit gewöhnlichen Webcams Gebärdensprache erkennen und übersetzen soll. Dabei muss die gehörlose Person Handschuhe tragen, bei denen jeder Finger eine andere Farbe hat. So kann das Programm auch bei schnellen Bewegungen die Finger unterscheiden und die einzelnen Zeichen und Gesten erkennen. Auch «Hand Talk» arbeitet zurzeit an einem System, dass nur mit Handykameras funktionieren soll. Dabei sollen sowohl die Handbewegungen, als auch die Mimik der gehörlosen Person berücksichtigt werden. Das System wird zurzeit getestet und soll in den nächsten Jahren auf den Markt kommen. Somit wäre eine Zwei-Weg-Kommunikation mit einer gehörlosen Person in Echtzeit möglich.

Eine Frau verwendet die Anwendung von SignAll.
Mithilfe von Handschuhen mit farbigen Fingern kann SignAll die Gebärdensprache erkennen. (Bild: Brainerd Dispatch)

Wir sind also nicht mehr weit davon entfernt, die Sprachbarriere zwischen gehörlosen und hörenden Menschen mittels technischer Hilfsmittel zu überwinden. Natürlich wird es noch einige Jahre dauern, bis diese Technologien vollständig ausgereift sind. Sie könnten allerdings einen grossen Einfluss in das Leben von Gehörlosen haben und sie in vielen Bereichen besser integrieren. Wenn das Bewusstsein dafür nun auch noch in unserer Gesellschaft wächst, könnte die Sprachbarriere bald nicht mehr existieren.

AUTOR

Lukas Spichtig